
Die Saporosher Kosaken schreiben einen Brief an den türkischen Sultan 2024, Öl auf Leinwand, 160 × 220 cm (Foto Isabel Meyer)
Künstlerinnenstatement – „Die Kosaken schreiben dem Sultan“
Mich hat das Gemälde „Die Saporosher Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief“ von Ilja Repin tief berührt – nicht nur wegen seiner malerischen Qualität, sondern auch wegen der Energie, die es ausstrahlt. Diese Szene, in der eine Gruppe Kosaken mit derbem Humor und offensiver Sprache einen Brief an den osmanischen Sultan verfasst, ist mehr als nur eine historische Anekdote. Sie erzählt von Widerstand, Freiheit, Stolz – und vielleicht auch von Hoffnung.
Repin hat dieses Werk im 19. Jahrhundert geschaffen, doch es wirkt in seiner Bildsprache zeitlos. Er hat dafür umfassend recherchiert, Skizzen angefertigt, Requisiten verwendet und reale Modelle gemalt. Auch wenn es sich um eine überlieferte Episode handelt, bleibt unklar, was Legende ist und was Wahrheit. Genau das interessiert mich als Künstlerin heute – die Übergänge zwischen Geschichte und Erzählung, zwischen Fakt und Fiktion, zwischen Bild und Botschaft.
Ich bin diesem Motiv intuitiv gefolgt. Während meines Studiums in Charkiw hatte ich oft die Gelegenheit, eine Version dieses Gemäldes im dortigen Museum zu sehen. Ich habe mich schon damals mit Repins Werk beschäftigt, Porträts von ihm kopiert und seine realistische Malweise studiert. Ich habe irgendwo gelesen, dass Repin zu Fuß nach St. Petersburg ging, um Kunst zu studieren. Dieser Willensakt ist mir persönlich sehr sympathisch. Seine künstlerische Haltung – neugierig, präzise, tief verankert im Menschlichen – beeindruckt mich bis heute.
In meiner aktuellen Arbeit habe ich mich nicht an einer Rekonstruktion versucht. Ich will keine historische Szene nacherzählen, sondern mit den Themen in Resonanz treten: Männlichkeit, Macht, Sprache, Identität. Die Kosaken erscheinen bei Repin als derbe, laute, stolze Männer – freiheitsliebend, ungehobelt, eigenständig. Eine Welt, die auf mich heute fast archaisch wirkt, aber zugleich erschreckend aktuell. Denn in Zeiten von Krieg und Propaganda, von nationalen Erzählungen und politischen Spannungen, stellt sich die Frage nach Wahrheit, Widerstand und Identität erneut.
Ich habe in den letzten Jahren viele Menschen aus der Ukraine getroffen. Ihre persönlichen Geschichten – oft nur kurze, fragmentarische Erzählungen – spiegeln eine kollektive Erfahrung, die weit über politische Grenzen hinausgeht. Die Region Saporischschja, auf die sich das Gemälde bezieht, ist wieder in aller Munde – „Saporoge“ bedeutet „hinter den Stromschnellen“, ein Ort an der Schwelle. Auch das Wort „Ukraine“ lässt sich als „am Rand“ deuten. Vielleicht liegt darin auch eine existenzielle Qualität: Leben im Übergang, zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen Macht und Ohnmacht.
Meine künstlerische Arbeit zu diesem Thema ist offen angelegt. Sie stellt keine feste Aussage in den Raum, sondern lädt zur Reflexion ein. Ich möchte Betrachter:innen konfrontieren – nicht mit einer Antwort, sondern mit Fragen. Was sehen wir? Was glauben wir zu wissen? Was steckt hinter dem Bild? Ich glaube an die Kraft der Malerei, Unausgesprochenes sichtbar zu machen, Denkprozesse anzuregen und unser Menschsein zu hinterfragen – jenseits von Ideologie oder Pathos. Es geht mir darum, wach zu bleiben, zu beobachten, zu zweifeln – und dabei menschlich zu handeln.
Ryta Miskevych